• 20. - 22. September 2020
  • Brandboxx Salzburg

Trachtenbranche vorsichtig optimistisch

Kerstin Reitterer leitet die Salzburger „Tracht & Country“ Messe. Im Interview spricht Sie über die Stimmungslage in der Branche, die „T&C Pop-up Ordertage“ und die Zukunft der Messe.

© Tristan Breyer
Kleid:  Lotta Leben
„Tracht ist nicht nur Mode, Tracht ist ein Lebensgefühl“ Kerstin Reitterer

 

Reed Exhibitions: Frau Reitterer, zuallererst eine Frage zum Thema, das die Welt seit nun sechs Monaten beschäftigt: Hat die Corona Krise auch Vorteile für Ihre Branche gebracht?

Reitterer: Ich würde es nicht als Vorteil bezeichnen aber es hat mit Sicherheit ein Umdenken stattgefunden. Die Menschen hatten mehr Zeit und sind umsichtiger mit ihrem Geld umgegangen, was dazu führte, dass wieder bewusster konsumiert wird. Weg vom schnellen Konsum, hin zu mehr Wert auf Qualität und Regionalität. Wissen wo‘s herkommt und den lokalen Handel unterstützen. Das sind Werte die in der Trachtenbranche von jeher gelebt werden, nur wurde das bisher (leider) viel zu wenig kommuniziert. Nachhaltige Produktion ist ja mittlerweile auch in der Mode angekommen, die Tracht war im Grunde schon immer nachhaltig!

 

Können Sie das genauer ausführen?

Reitterer: Viele Produzenten ordern Stoffe in Österreich oder in europäischen Ländern wie Italien oder Portugal. Es wird Wert auf kurze Wege gelegt und gleichzeitig so die Qualität der Produkte hochgehalten. Für die „Trachtler“ ist das oft selbstverständlich aber ich denke gerade hier liegt jetzt ein entscheidender Vorteil!

 

Als Messeleiterin sind Sie in der Trachtenwelt bestens vernetzt. Welche Stimmen hören Sie aus der Branche?

Reitterer: Es herrscht vorsichtiger Optimismus würde ich sagen. Die Prognosen waren ja zur Zeit des kompletten Lockdowns wirklich sehr besorgniserregend. Es wurde von Umsatzrückgängen im Bereich von 50 bis 70 Prozent gesprochen. Mittlerweile belaufen sich die Prognosen auf ca. 30 Prozent (auf den kompletten Markt gesehen). Trotzdem, oder gerade deswegen, wird nach wie vor umsichtig gewirtschaftet, es kann ja keiner wissen was uns die nächsten Monate erwartet. Und es ist auch klar, dass die Branche sicher noch das kommende Jahr braucht um sich wieder zu erholen. Ich rechne nicht damit, dass sich der Markt vor 2022 wieder völlig stabilisiert.

 

Virtuelle Messen werden aktuell ein immer größeres Thema, können Sie sich vorstellen, dass dies ein Alternativkonzept für die „Tracht & Country“ ist?

Reitterer: Ehrlich gesagt nicht. Die „Tracht & Country“ lebt vom Fühlen, Sehen und Erleben und den persönlichen Kontakten. Der Kauf eines Kleidungstückes oder auch Accessoires ist ein emotionaler Akt und Emotionen entstehen indem möglichst viele Sinne angesprochen werden. Unsere Händler legen deshalb auch sehr viel Wert darauf, dass sich Kunden in ihrem Laden wohlfühlen. Hier soll Tradition und Gastfreundschaft gespürt und erlebt werden. Das ist auch einer der großen Unterschiede zum Fashionbereich, wo die Ware von der Stange verkauft wird.

 

Doch gerade jetzt steigen viele Firmen immer mehr auf digitale Konzepte um..

Reitterer: Digitale Konzepte leisten in der jetzigen Situation eine wichtige Hilfestellung und ich denke, diese werden auch in Zukunft eine größere Rolle einnehmen. Gerade in der Messevorbereitung kann hier schon gut vorgearbeitet werden aber ich weiß, dass speziell die Händler nicht auf die analoge Messe verzichten wollen. Es geht hier ja nicht nur um den Orderprozess, sondern auch darum sich inspirieren zu lassen, zu Netzwerken und eine schöne Zeit unter Gleichgesinnten zu verbringen.

 

Als Messeleiterin der „Tracht & Country“, was bedeutet für Sie das Thema Tracht im Alltag?

Reitterer: Ich finde Tracht ist nicht nur Mode, es ist ein Lebensgefühl, ein gewisser Lebensstil. Wie heißt es so schön „Kleider machen Leute“ und durch das was wir tragen, vermitteln wir unserem Umfeld automatisch ein Bild von uns und unseren Werten. Tracht steht für mich für Qualität, Tradition und bewussten Konsum und warum soll ich das nur zu Anlässen leben? Es muss ja nicht immer all-over sein, es gibt wunderschöne Trachtenröcke, Jacken oder Accessoires. So kann man jeden Tag ein Stück Heimat tragen.

 

Wenn Sie sich ein Trachten Key-Piece aussuchen könnten, was wäre dies bzw. was sollte jeder in seinem Trachten-Repertoire haben?

Reitterer: Einen Trachtenrock! Trachtenröcke sind so vielseitig kombinierbar und immer kleidsam. Ob mit Body und Pumps oder einfach mit T-Shirt und Sneakers, Frau wirkt immer „angezogen“. Außerdem gibt es auch Trachtenröcke die mit Mieder und Schürze ganz einfach als Dirndl tragbar sind. Bei den Herren würde ich eigentlich spontan eine Lederhose sagen, aber besser in den Alltag integrierbar und deshalb meine Empfehlung, ist ein fescher Janker. Ob elegant mit Hemd zur Businesshose oder lässig zur Lederhose. Eine Trachtenjacke geht immer.

 

Es ist nicht mehr lange hin bis zu den „Tracht & Country Pop-Up Ordertagen“, was dürfen sich Besucher und Aussteller erwarten?

Reitterer: Wir freuen uns sehr, dass so viele Aussteller an den „Pop-up Ordertagen“ teilnehmen. Damit kommen wir dem Wunsch der Händler nach, die sich eine möglichst späte Orderplattform gewünscht haben. Die Besucher finden bei den Ordertagen alles was sie brauchen. Bei in etwa 100 Marken ist vom traditionellen Trachten Must-have bis zum trendigen Fashion-Item alles dabei. Ob Lederhose, Bluse oder Accessoires, es wird jeder Sortimentsbereich abgedeckt! Und ich hoffe natürlich, dass alle viel Inspiration, positiven Schwung und neue Motivation finden und mit in die nächste Saison nehmen.

 

Sicherheitsmaßnahmen sind in der aktuellen Zeit von oberster Priorität. Welche Maßnahmen werden seitens Veranstalter getroffen um Besucher und Aussteller zu schützen?

Reitterer: Die Sicherheit unserer Aussteller und Besucher liegt uns sehr am Herzen. Abgesehen von den behördlichen Vorgaben wie lückenlose Registrierung, Abstandsregelungen und kontrollierte Personenfrequenz, haben wir in der Messehalle einen Luftfilter installiert, die Reinigungszyklen erhöht und stellen natürlich kostenlose Mund-Nasen-Masken zur Verfügung. Darüber hinaus haben wir als Veranstalter zur Sicherheit unserer Aussteller, Besucher und Mitarbeiter ein Hygiene- und Präventionskonzept aufbereitet. Des Weiteren prüfen wir derzeit die Möglichkeit eines Schnelltests den wir vor Ort anbieten wollen. Ich denke, das wäre sicher eine gute zusätzliche Maßnahme.

 

Nach der Messe ist vor der Messe. Wie geht es 2021 mit der „Tracht & Country“ weiter?

Reitterer: Wir werden ab 2021 wieder zum gewohnten Rhythmus, mit der „Tracht & Country Premiere“ zum Orderstart und der „Tracht & Country“ Messe zum Orderschluss, zurückkehren. Ich denke, dass es gerade jetzt wichtig ist, dass wir so schnell wie möglich wieder etwas Normalität, Verlässlichkeit und vor allem Ruhe einkehren lassen. Die Branchenplattform „Tracht & Country“ soll dabei als sicherer Hafen dienen.

 

Möchten Sie Ausstellern und Fachbesuchern der Trachtenbranche noch etwas mitteilen?

Reitterer: Gerade in schwierigen Zeiten ist Zusammenhalt und Austausch wichtig. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten so viele tolle, ehrliche und wertvolle Gespräche geführt und so viel Engagement und persönlichen Einsatz erfahren. Dafür möchte ich mich bei Ausstellern und Besuchern bedanken! Ich glaube, dass wir dadurch eine solide Basis für eine gemeinsame, erfolgreiche Zukunft geschaffen haben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Verena Raffl, MA, Content & Brand Manager