• 20. - 22. September 2020
  • Brandboxx Salzburg

Phänomen Tracht: Wie Gegensätze die alpine Mode formen

Ob „Jaga“ oder Businesslady, Alpinist oder aristokratische Braut: Die alpine Mode ist ein Evergreen. Im Rahmen der Tracht & Country hat Reed Exhibitions Austria versucht diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Warum ausgerechnet Gegensätze und Widersprüche die Tracht in ihrem Erfolg formen. 

Von Sylvia Nachtmann, Freie Journalistin

©Reed Exhibtions Austria / Marco Riebler
Was ist das Geheimnis des Trachten-Evergreens? Eine Harmonie der Gegensätze, die sich von Materialien und Formen bis zu den Anlässen und Trägern aller Schichten zieht?

Tracht ist ein Evergreen. Auch Trachtenmode und alle Alpine Styles sind „immer frisch“. Jeder Evergreen beruht auf einem ganz speziellen „Geheimnis“ – was könnte hier zugrunde liegen? Kann man es auf der Tracht & Country lüften? Im Ansatz wenigstens? Vielleicht ist es die „Harmonie der Gegensätze“, die sich durch und durch zieht, von den Materialien und Formen bis zu den Anlässen und Trägern aller Schichten? Aber wie kann das sein? Eine „Harmonie der Gegensätze“ trägt den Widerspruch schon in sich! Allerdings nicht, wenn es sich um Alpine Styles handelt – ein Phänomen der Tracht &Trachtenmode. Nur sie schafft es, Gegensätzliches in berückende Harmonie zu bringen – zu sehen immer wieder auf der Tracht & Country.

Eine Harmonie der Gegensätze

Eigentlich unglaublich – und doch wahr. Die Tracht vereint Gegensätze aus Tradition und Moderne. Tracht ist in unseren Breiten für alle da, vom „Jaga“ bis zur Businesslady, vom Alpinisten bis zur aristokratischen Braut, für Groß und Klein, für Jung und Alt, für alle Anlässe ... von der Alm bis zur Yacht, rural und urban, bäuerlich oder Schloss-affin, Tradition mit Charme und Witz und ehrlicher Seriosität, rupfiges Leinen und Seidenbrokate, Liebe zum (handgefertigten) Detail und andrerseits Purismus, Dezenz und Raffinesse und Edelkitsch, sexy Dekolletés und Hochgeschlossenes, Haferlschuhe und Sneakers, Ankle-Boots und Wadlstutzen, Hirschhorn und Froschgoscherln ... Ja, gibt es etwas Lebendigeres als unseren Alpine Style? Wohl kaum!
 

Tiefwurzler, Ideale und Emotionen

Ebenso bunt ist das Angebot auf der Tracht & Country, ebenso vielfältig geben sich Aussteller und Besucher dieser Messe. Denn eines ist sicher: Tracht wird gelebt, und das macht sie so erfolgreich, so beliebt, so sehr mit verwurzelten Idealen und Emotionen verknüpft. Die Wurzeln, ach ja, von denen spricht man gern in Zusammenhang mit der Tracht – na, klar! Wer hat, der hat! Und darf darauf hinweisen. Die Wurzeln der Tracht gehen tief, Tracht und alles daraus hervor Gewachsene zählt zu den Tiefwurzlern, wie all die starken Bäume, die so schnell kein Sturm umhaut. 

©Reed Exhibtions Austria / Marco Riebler
Schon alleine das Dirndl, Liebkind der Saisonen, vereint Gegensätze in sich: schlank und anliegend im Oberteil, weit ausschwingend im Rock.

 

Vom Bauernhof bis zu Kaisers Schloss

Es begann in grauer Vorzeit mit der bäuerlichen Tracht und strengen Kleidervorschriften, bescheiden und ohne Zier. Vor etwa 200 Jahren wurden endlich weiße und schwarze Spitzen genehmigt, seidene Strümpfe waren noch bei Strafe verboten. Zur gedämpften Naturfarbigkeit von Wolle, Loden und Leinen gesellten sich Blau und Zinnoberrot, das seidene Halstuch wurde im 18. Jahrhundert genehmigt. Mit hellen Rokokofarben, Spitzen und Blümchen begann sich auch die Liebe zum Detail durchzusetzen.

 

Steirerhut als Taufgeschenk

Dann kam Erzherzog Johann. Er soll seinem Großneffen, dem späteren Kaiser Franz Joseph zur Taufe einen Steirerhut geschenkt und ihn 16 Jahre später zur Jagd eingeladen haben, unter der Vorgabe, in steirischer Gebirgstracht zu erscheinen. Franz Joseph gehorchte und blieb zeitlebens ein „Trachtler“. Franz Joseph, das Vorbild seiner Untertanen – und alle Fashionistas seiner Zeit taten es ihm gleich. Die Tracht für Bauern und nun auch für den Adel, für Holzknecht und Bürger, für Land und Stadt – ein Gegensatz?

 

Feeling und Formensprache

Schon alleine das Dirndl, Liebkind der Saisonen, vereint Gegensätze in sich: schlank und anliegend im Oberteil, weit ausschwingend im Rock. Dazu die Kontraste der Stoffe, Farben und Dessins an einem Stück, Unis und Musterungen, eingewebt oder gedruckt, variierend zwischen Korpus, Rock und Schürze oder monochrom. Auch haarige Wolle, flauschiger Loden und samtiges Leder, weiche und feste Qualitäten, stellen sich in harmonischen Gegensatz zu schlichtem Leinen, bedruckter Baumwolle, Jacquards und feinen Seidengeweben und Brokaten.

Details wie Knöpfe aus Horn, Holz und Metall sind dezenter Aufputz, und die Möglichkeiten sind grenzenlos. 

©Reed Exhibtions Austria / Marco Riebler
Es leben die Kontraste! Kontraste der Stoffe, Farben und Dessins an einem Stück, Unis und Musterungen, eingewebt oder gedruckt, variierend zwischen Korpus, Rock und Schürze oder monochrom.

 

Purismus und Edelkitsch

Denken wir „Operettendirndl“ à la Weißes Rössl und Münchner „Wies’n-Dirndl“ mit ihrem überschwänglichen Aufputz, an reich geschmückte Folklore-Dirndl, üppige Kropfspangen, Charivaris und Gamsbärte für urige Herrenhüte. Und an die puristischen Designtrachten heutiger In-Kollektionen – ein Gegensatz? Die „kurze Lederne“ und edle Lederjacken und Joppen, Lederkleider und Accessoires stehen eng verbunden mit den Materialquellen von einst, auch heute absolut hip und hochwertig.

 

Auch Qualität hat Tradition

Hier ist es angebracht auf ein zusätzliches Merkmal der Tracht und Trachtenmode hinzuweisen: Es ist die Qualität, die aus der Tradition kommt und gerade von jungen Leuten wieder geschätzt und ausgeführt wird. Qualität zum Vererben, Regionalität at its best – vom heimischen Materialeinsatz, teils ökologisch zertifiziert, gefertigt in nahen Werkstätten und Manufakturen, handwerklich ausgearbeitet bis zur Verzierung, wie etwa Federkielstickereien, kontrastierende Garnstickereien oder figurale Steppmotive, handbedruckte Stoffe, geknüpfte Fransen ... die Liste ist lang und fortsetzbar.

 

Wenn der Jaga und die Businesslady ...

... der Freeclimber und die Managerin ... was sind das bloß für Leute? Allesamt People mit Pep, die gestern, heute und morgen für alle Anlässe mit Tracht auf einen Nenner bringen, vom Job über die Freizeit bis zum hohen Fest. Diffizilstes Handwerk und digitale Welt, Nostalgie und Hightech – kein Gegensatz. Da leben die Sportsgeister aus alten Bergsteigerfilmen auf, es schwingen Kleider à la 50er Jahre mit minimalen Trachtensymbolen, dazu Accessoires mit Wert und Witz. Feste Schuhe zum wetterfest-sportiven Ausschreiten, bunte Ballerinas mit ziselierter Schnalle, elegante Pumps mit Ziersteppung – wirklich für jede Situation das optimale Outfit, vom Fuß bis zum Kopf, denn Hüte gehören auch dazu, wärmend in Loden oder in leicht geflochtenem Stroh als Schutz vor der Sommersonne. Und über allem steht die Freude – die Freude am Detail, die Freude am Gesamten, an der Gestaltung und die Freude am Auftritt. Vielleicht haben wir jetzt das Geheimnis des Evergreens Tracht & Co gelüftet, wenigstens ein bisschen?