• 20. - 22. September 2020
  • Brandboxx Salzburg

Kein Greenwashing beim Alpenstyle

Die Textilindustrie muss sich neu erfinden. Der Ruf nach Nachhaltigkeit wird immer lauter. Clever, wer da schon mit neuen Geschäftsmodellen die Bühne betritt. Ein Blick in das grüne Novum der Tracht, das eigentlich gar keines ist. 

Text von Sylvia Nachtmann, Freie Journalistin

©Reed Exhibitions Austria / Marco Riebler
Nachhaltigkeit als Maßstab für eine neue Zielkundschaft: Die Messe „Tracht & Country“ widmet sich schon seit längerem dem Thema Nachhaltigkeit und bringt alle Stakeholder dazu an einen Tisch. 

 

Seit Greta Thunberg und ihre Mitstreiter das Weltgeschehen erobern, gilt es noch schneller auf den Zug der Öko-Trends aufzuspringen. Anders da die Trachtenmode. Sie steht aus Tradition für Nachhaltigkeit. Das grüne Novum ist hier keine Unbekannte. Der Trachtenbranche ist bewusst: unsere Wurzeln sind nachhaltig! Und trotzdem wird das Thema Nachhaltigkeit die diesjährige Salzburger Messe Tracht & Country noch stärker formen als bisher. Die Lederhose aus Hanf war nur der Anfang.
 

Die Tracht konnte es immer schon

Aus ihrer Historie kommend, setzt Tracht auf natürliche Materialien wie Leinen, Baumwolle, Hanf, Seide, Leder, Wolle heimsicher Provenienz. Dazu gesellt sich, vor allem bei jungen Designern und Herstellern, neu gedachte Wertschätzung und der Einsatz teils ökologisch zertifizierter Materialien. Manufakturen erhalten neue Aufträge, Lieferketten werden transparent. Der CO2-Fußabdruck nachvollziehbarer. Nachhaltigkeit wird zum raffiniert gedachten Geschäftsmodell, das so mancher Hersteller bereits für sich entdeckt.
 

Eigene Manufaktur, Recycle-Kunststoff

Tradition und Innovation verknüpfen sich bei dirndl + bua. Seit jeher hat man im Fokus, „Ressourcen zu schonen und Schuhe nachhaltig herzustellen. Das ist für uns kein Trend, sondern tagtäglich gelebte Realität“, betont Thomas Huber. Erzeugung in Italien und in der eigenen Manufaktur, wenige Kilometer von der Österreichischen Grenze entfernt sowie Leder vorwiegend aus Italien – dies spart Transportwege. Interessant: „Als neues Material in punkto erneuerbare Ressourcen, setzen wir zur Herstellung unserer neuen Leichtsohlen einen italienischen Schaumstoff ein, der überwiegend aus wiederverwertbaren Industrieabfällen gewonnen wird.“ 

©Grenz/gang
"Glokal – Global orientiert – Lokal wertgeschöpft": Ein heimisches Projekt, das eingesessenen Manufakturen neue Aufträge beschert.

 

Langlebigkeit und kurze Wege

Unter dem Motto „Glokal – Global orientiert – Lokal wertgeschöpft“ bringt ein junges Team aus dem Allgäu und Südtirol unter dem Label „Grenz/gang“ zeitlose Mode in den Handel, die Produktionsstellen liegen innerhalb eines Gebietes mit Fünf-Stunden-Radius. Bernhard Steiner: „Der Kunde hinterfragt die Angebote und erkennt seine Verantwortung beim Kauf.“
 

Neue „alte“ Stoffe: Dirndl & Lederhose aus Hanf

Hanf gilt als unfassbar ökologisch, man braucht 1000 Mal weniger Wasser als Baumwolle in Produktion und Anbau, keine Pestizide, Hanf wächst wie Unkraut und ist klimaunabhängig. Zur Zeit der Monarchie wurde Hanf häufig eingesetzt und inzwischen für Dirndl-Oberteile, Jacken und Joppen, Hosen und Blusen wiederentdeckt. Vor Jahren schon machte eine „Lederhose“ aus Hanf Furore. Wie wäre es mit Hanf-Sneakern?
 

Leinen und Brennnessel-Stoff

Guido Schwettmann, seit vielen Jahren Aussteller auf der Tracht & Country, konzentriert sich auf zertifizierte Ware, Baumwolle, Leinen und Brennnesselstoff. Er schneidet zu, bedruckt mit schadstofffreien Farben und näht zusammen: „Saubere Ware – sauberes Arbeiten. Ich möchte keine Stoffe, die ausgasen.“ Wer will das schon? Apropos Brennnesselstoff: „Früher war er ein Ersatzstoff. Heute ist er hip.“

Zu den interessanten wiederentdeckten Materialien zählen auch geschlagene Baumwolle, wie sie zur Zeit der Mount Everest-Erstbesteigung Bergsteigern geschätzt wurde oder Deutschleder, ein robustes Baumwoll-Atlasgewebe.

©Reed Exhibitions Austria / Marco Riebler 
Für eine nachhaltige Zukunft: Der CO2-Fußabdruck wird immer mehr zum Verkaufsargument – auch in der Textilbranche. 

 

Qualität hat ihren Preis

Damit hochwertige (Trachten-)Hanfmode nicht wohlhabenden „Bobos“ und „Artsy-fartsy“-Typen vorbehalten bleibt, arbeitet die Forschung daran, Hanfprodukte für den kleineren Geldbeutel zu entwickeln und für Studenten findet sich sogar ein Rabatt im Portefeuille. Gute Idee? Michael Schragger von The Sustainable Fashion Academy fordert von der Mode brutal ein Umdenken: „Rethink or Die“. Oscar Wilde meinte sinngemäß: Viele kennen den Preis, wenige den Wert. Doch Letztere werden mehr, wie es scheint.